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Das Internet of Things

Das Internet of Things

Das Internet of Things – Interview mit Peter Bihr

Peter Bihr ist Veranstalter Europas führender Konferenz über die Zukunft von Hardware, vernetzter Geräte und Internet of Things (IoT). Zudem ist Peter Gründer der Firma „The Waving Cat“, die die Auswirkungen von neuen Technologien untersucht und andere Organisationen als Strategieberater bei der Transformation der Geschäftsmodelle im digitalen Umfeld berät.

1. Warum hältst Du das Thema Internet of Things für bedeutend?

Der Begriff Internet of Things (IoT) umfasst eine große Bandbreite an Technologien, Praktiken und Prozessen, die zusammengenommen einen umfassenden Wandel in der Art bedeuten, wie wir mit der Welt interagieren. Im weitesten Sinne ist IoT eine Verlängerung des Internet in die „echte“ Welt, eine Verschmelzung von digitaler und physischer Welt. Wenn unsere Umwelt durch einen „Data Layer“ ergänzt und somit gewissermaßen analysier- und programmierbar wird, hat das umfassende Auswirkungen auf Industrien und Geschäftsmodelle, auf unser gesellschaftliches zusammenleben und auf die Rolle von Privatsphäre und Datenschutz.

2. Vernetzte Geräte spielen sowohl im Industriellen- als auch im Consumerbereich eine Rolle. In welchem Bereich sind die größeren Potenziale zu erwarten, gibt es eine sichtbare Entwicklung?

Im industriellen Bereich sind die Auswirkungen schon heute deutlich spürbarer als im Verbraucher-Alltag. So werden z.B. für Logistikketten zügig Sensoren und Analytics adaptiert, Fabriken werden nicht nur ferngewartet, sondern zunehmend auch in Echtzeit oder beugen durch sogenanntes „predictive Maintenance“ sogar Reparaturen aktiv vor. Das macht Sinn, besonders da im industriellen Bereich selbst kleine Effizienzsteigerungen zu messbaren Einsparungen führen können. Für Verbraucher sieht die Situation etwas anders aus, da hier Effizienz nur ein untergeordneter Teilaspekt ist: Lebensqualität, Gesundheit, Kontrolle über das eigene Leben sind wichtigere, aber auch ungleich schwerer zu bearbeitende und zu messende Qualitätskriterien. Die zugrundeliegenden Fragestellungen sind komplex und Verbraucher treffen wohlüberlegte Entscheidungen, welche Technologien sie in ihren Alltag und ihr Lebensumfeld hereinlassen. Gleichzeitig sind die Potenziale, die hier freigesetzt werden können, sehr spannend.

3. Welchen Ansatz verfolgt die von Dir veranstaltete Konferenz ThingsCon?

ThingsCon versteht sich als interdisziplinärer Treffpunkt der (insbesondere europäischen) Internet of Things Szene und gleichzeitig als Plattform für Kollaborationen. Trotz aller Interaktionen über das Netz entstehen spannende Gespräche und Ideen häufig eher beiläufig in einem informelleren Rahmen. Daher versuchen wir mit ThingsCon stets eine Balance zu schaffen zwischen konkreter Wissensvermittlung auf hohem Niveau und einer informellen Atmosphäre, die den freien Gedankenaustausch fördert.

4. Machen IoT-Geräte das Leben wirklich leichter oder erhöhen Sie die Komplexität?

Beides! Derzeit stecken viele IoT-Geräte – insbesondere im Consumer-Bereich – noch in den Kinderschuhen, sind also primär für Early Adopter interessant. Spannend wird es in dem Moment, wenn die Technologie in den Hintergrund tritt und uns im Alltag dabei unterstützt, unsere Potenziale auszuleben. Ein Fitnesstracker plus App ist ein erster kleiner Schritt auf diesem Weg, aber sicher noch keine revolutionäre Lösung. Da geht noch mehr.

5. Bislang fehlt dem Thema Internet of Things noch die durchschlagende Anwendung für einen Erfolg im Mainstream. Was sind die Bedingungen für eine schnelle Durchdringungsrate von IoT-Geräten in der Bevölkerung?

Wie Science Fiction Autor William Gibson schon sagte: „The future is here, it’s just not evenly distributed yet.“ Im Alltag finden sich schon eine ganze Reihe von IoT-Anwendungen, über die wir nicht unbedingt unter diesem Label nachdenken. Moderne Autos haben dutzende Sensoren eingebaut, deren Daten live analysiert werden – im Prinzip sind es fahrende Computer und eindeutig Teil des Internet der Dinge. Das gleiche gilt für viele medizinische Geräte, Werkzeuge und Lastcontainer. Die Durchdringung des Alltags durch IoT-Anwendungen ist also etwas ungleich verteilt – sie wird sich erst langsam anfühlen und dann irgendwann plötzlich sehr, sehr schnell, wie es so häufig der Fall ist bei Adaptionskurven. Der Begriff Internet of Things wird allerdings irgendwann verschwinden.

6. Deutsche Firmen sind gut darin “Dinge” zu produzieren, US-Amerikanische Firmen sind Vorreiter im Internet. Siehst Du darin eine Gefahr für die Deutsche Wirtschaft?

Eine ganze Reihe Industrieunternehmen aus Deutschland – Bosch, Siemens, usw. – spielen eine sehr aktive Rolle im Internet of Things. IoT-Startups sprießen aus dem Boden. Auch aus den Universitäten heraus sehen wir spannende Talente kommen, die sicherlich das ein oder andere relevante Unternehmen gründen werden. Besonderes Potenzial sehe ich vor allem dort, wo die Unternehmen aus Deutschland ihre stärken ausspielen – insbesondere rund um Themen wie Datenschutz, Privatsphäre, High-End-Manufaktur. In Sachen Erklären und Marketing könnten die Unternehmen in Deutschland sich sicher ein Scheibchen von vielen Silicon Valley Startups abschneiden.

7. Welche Rolle spielt das Thema Echtzeit bei der Nutzung von Internet of Things-Geräten?

Sammeln und Auswerten von Daten in Echtzeit ermöglicht spannende, innovative Anwendungen. Aber viele Anwendungen benötigen womöglich gar keine Echtzeit-Daten oder Big Data Analyse: So sind z.B. sind flächendeckende Sensorennetzwerke hochspannend, die aus energiegründen nur sporadisch kleine Mengen an Daten übertragen. Echtzeit ist wichtig, aber nicht der einzige Weg.

8. In der Werbewelt spielt Echtzeitverarbeitung eine immer größere Rolle. Wie wird die Werbewelt durch die zunehmende Anzahl an Sensoren in IoT-Heräten beeinflusst?

Das wird spannend zu beobachten. Insbesondere im Retail-Bereich passiert gerade viel, da Kaufverhalten, Inventar und so weiter plötzlich in Echtzeit analysiert werden können. Aber auch der öffentliche Raum wird plötzlich durch Daten und Sensoren durchdrungen – hier wird sich zeigen, was Verbraucher bereit sind zu teilen und wo sie die Grenze ziehen. Die Marketers und Werber, die respektvoll mit Daten und Privatsphäre umgehen und klare Mehrwerte bieten dürften hier am stärksten profitieren.

Peter Bihr, Geschäftsführer The Waving Cat

Das Internet of Things - Peter Bihr

(Quelle: Real Time Marketing Kompass 2015/16)